Mittwoch, 23. Juli 2025
Coffee-Date mit... Nancy Meckert! Wir sprechen über Vereinbarkeit in der Gründung, über Rollenbilder und eigene Erwartungen an sich selbst.
Willkommen zu „Impact to go - Dein Coffee-Date mit…“!
Hier im Gründungszentrum Enterprise geht es mehr als nur um Ideen - es geht um echte Veränderungen. In dieser Reihe bekommst du spannende Einblicke in Gründungsstories, jede Menge Inspiration und wertvolles Wissen, dass dir bei deiner eigenen Gründung hilft. Denn nur mit Impact können wir die Welt verändern und du bist ein wichtiger Teil davon. Also schnapp deinen Kaffee, lehn dich zurück und lass dich von echten Gründe:rinnen inspirieren.
Willkommen zur Folge # 5 der Interviewserie vom Gründungszentrum Enterprise. Heute habe ich Nancy Meckert hier bei mir zu Gast und wir haben ein bisschen gebraucht, bis wir den Termin geschafft haben, aber das hat auch mit ihrem Thema zu tun.
Denn Nancy ist Mutter, Selbstständige, Ehefrau, Freundin, Tochter und zugleich auch einfach nur sie selbst und zudem auch noch selber Coachin und Beraterin für eine neue Sicht auf Vereinbarkeit. Mit "neue faireinbarkeit" begleitet sie selbstständige Teams und Organisationen dabei, Arbeit und Leben neu auszubalancieren und das jenseits von Erschöpfung, Optimierungsdruck oder Care-Gap. Ihre Perspektive: Vereinbarkeit ist keine individuelle To-Do-Liste, sondern eine strukturelle Frage von Gerechtigkeit, Gesundheit und Nachhaltigkeit. Mit Erfahrung aus ihrer Zeit als Angestellte und Führungskraft im Bereich Organisationsentwicklung und dem eigenen Alltag zwischen Selbstständigkeit und Familie setzt sie sich für eine faire, systemisch gedachte Vereinbarkeit ein. Besonders aber auch im Kontext von Selbstständigkeit und auch sozialen Gründungen.
Hallo Nancy, wir sprechen ja heute über dieses tolle Thema Vereinbarkeit. Ein Begriff, bei dem man ja häufig andere Begriffe hört wie Care-Arbeit, Work-Life-Balance, Homeoffice, Family Time, Mental Load usw.
Du hast die "neue faireinbarkeit" gegründet. Was war denn dein persönlicher Wendepunkt dabei, wo dir klar wurde, ich möchte über Vereinbarkeit sprechen und so wie wir es jetzt gerade auch in der Welt und in der Gesellschaft tun, reicht das einfach nicht mehr aus?
Okay, wunderbar. Vielen Dank erstmal für die Einladung. Ich freue mich, heute hier zu sein.
Und was war mein konkreter Wendepunkt? Das ist eine gute Frage. Ich glaube tatsächlich, den gab es so gar nicht. Ich würde eher sagen, es war so eine Art Erkenntnisprozess entlang meiner eigenen Geschichte, entlang meiner eigenen Erfahrungen oder auch meiner „Vereinbarkeitsreise“, wie ich sie ganz gerne nenne, auf der ich mich nebenbei bemerkt auch immer noch befinde. Du hast es schon gesagt, ich war auch angestellt viele, viele Jahre tatsächlich und habe eben ja dabei zwei Kinder bekommen, nacheinander natürlich. Und irgendwann wurde mir klar, dass die Erwartungen an eine berufstätige Mutter eigentlich gar nicht zu erfüllen sind. Ich war viele Jahre vor allen Dingen auch in führenden Positionen in ganz unterschiedlichen Teilzeitmodellen tätig. Ich habe mich da also sehr vielfältig ausprobiert, wie Beruf und Familie zueinander passen kann für mich ganz persönlich. Und habe jahrelang auch diesen Spruch so ein Stück belächelt – den kennt ihr bestimmt – "Arbeiten, als hätte man keine Kinder, Kinder haben, als würde man nicht arbeiten". Und ich habe gedacht, „na ja gut, so ist es halt, so ist die Situation, in der wir uns als berufstätige Eltern, vor allen Dingen Mütter, häufig befinden“. Bis mir dann irgendwann aber wirklich klar wurde: verdammt nochmal, genauso ist es eigentlich!
Und mir wurde klar, was das eigentlich tatsächlich für berufstätige Mütter bedeutet, dass man daran eigentlich nur scheitern kann. Und das kann ja eigentlich nicht sein, so sollte es nicht sein. Und die Frage stellte sich dann auch einfach, wo kommen denn diese Erwartungen eigentlich her? Kommen die von außen? Sind die in mir drin, wie kommen die in mich hinein sozusagen, wenn sie von mir selbst kommen? Wie sprechen und denken wir über Mütter und Väter? Wie kann es sein, dass es Mütter eigentlich nie richtig machen können, egal wie lange sie zu Hause bleiben, wann sie zurück in den Beruf gehen, ob sie zurück in den Beruf gehen, in welcher Position usw.? Und dass wir dagegen Väter ganz oft dafür feiern, wenn sie sich mal einen Nachmittag in der Woche kümmern. Und da gibt's so ein Ungleichgewicht und je mehr ich mich damit auseinandergesetzt und beschäftigt habe, mich dazu auch belesen habe, wurde mir klar, dass wir hier ganz fest und tief verankerte Rollenbilder eigentlich haben, die dazu führen, dass Mütter eigentlich nur ausbrennen können, wenn sie sich dem nicht bewusst entziehen.
Na ja, dann kam die Coronakrise, die ja auch noch mal wie so ein Brennglas gewirkt hat und ganz deutlich auch wirklich gezeigt hat, dass ganz viele Familien und vor allen Dingen auch Mütter wirklich an der Belastungsgrenze sind, dass wir hier wirklich auch fast schon von einer systematischen Erschöpfung sprechen können. Und die vor allen Dingen aber auch gezeigt hat, dass die Ursachen dafür systembedingt sind. Und da kommen wir auch so ein bisschen wieder hin zu dem, dass so wie wir über Vereinbarkeit bisher vor allen Dingen gesprochen haben, das nicht mehr ausreicht, sondern dass wir da wirklich systemisch und in auf größeren Ebenen drauf schauen müssen und es nicht so sehr im individuellen privaten Bereich belassen dürfen, wenn wir wirklich etwas verändern wollen.
Und na ja, so kam das eben, dass ich mehr und mehr dafür brannte, einerseits natürlich persönlich aus diesem Kreislauf auszusteigen; diese Glaubenssätze, wie eine gute Mutter zu sein hat, Stück für Stück hinter mir zu lassen, wie schon vorhin gesagt, ich bin immer noch dabei, das ist gar nicht so einfach. Und eben auch systemseitig zu schauen, was darf und muss ich wirklich verändern. Und ich habe mich dann eben auch beruflich sozusagen mehr und mehr damit beschäftigt. Und so kam es eben, parallel zur Gründung der „neuen faireinbarkeit“, die ja vom Wortlaut her schon ein bisschen darauf hindeutet.
Genau, man muss ja auch dazu sagen, die „neue faireinbarkeit“ wird von Nancy nicht wie die Vereinbarkeit geschrieben, sondern wie das Wort "fair" im Sinne von Fairness. Das heißt, da schwingen ja ganz viele Parallelen mit. Du hast es ja gesagt, du hast dann gegründet und wir haben hier im Gründungszentrum Enterprise auch ganz, ganz viele gründungswillige Frauen, die aus dem Wunsch nach Selbstbestimmtheit oder aus dem Wunsch nach mehr Integration von Familie und Arbeiten hierherkommen. Und sagen, eine Gründung wäre vielleicht dann doch eine gute Möglichkeit, um auch die Vereinbarkeit besser zu leben. Und da haben wir natürlich oder auch ich die große Frage: Wie kann das gehen? Gerade im Gründungskontext gibt es ja noch viele Aufgaben. Man zerteilt sich gefühlt eh schon, hat vieles zu berücksichtigen. Was bedeutet für dich denn Vereinbarkeit, vor allem in Bezug auf Selbstständigkeit und Gründung, auch vielleicht in deinem Fall direkt?
Okay, Wow, da steckt super viel drin tatsächlich. Da würde ich ganz gerne noch mal den Bezug nehmen auf das, was du ganz am Anfang gesagt hast: Warum schreibe ich "Faireinbarkeit" eigentlich mit "fair", mit dem Bezug auf das Thema Fairness, denn das spielt für mich hier eine ganz zentrale Rolle. Denn zum einen stecken da natürlich für mich ganz stark der Aspekt der unbewussten Vorteile gegenüber Frauen und Müttern drin, denen beruflich weniger zugetraut wird. Das sehen wir einfach in zahlreichen Studien. Obwohl Frauen mindestens genauso gut ausgebildet sind, werden eben häufig immer noch Männer – vor allen Dingen Männer ohne Sorgeverantwortung –, in der Praxis bevorzugt gefördert und befördert, sei es im Angestelltenverhältnis, aber natürlich auch im Bereich der Gründungen. Wir sehen z.B. im Angestelltenverhältnis, dass Frauen allein, weil sie schwanger werden könnten, ab einem bestimmten Alter eben weniger befördert und eingestellt werden. Wenn sie dann Kinder haben, wird's ja tatsächlich noch viel schwieriger, sich beruflich wirklich weiterzuentwickeln und voranzukommen, sich selbst zu verwirklichen. Und eine ähnliche Situation haben wir eigentlich ja auch wirklich im Bereich der Gründungen. Das sehen wir z.B. am sogenannten Gender Funding Gap, der ja im Prinzip darauf hindeutet, dass eben von Frauen gegründete oder geführte Startups eben systematisch weniger Kapital erhalten, weniger gefördert werden, sich größeren vor größeren Herausforderungen sehen, selbst wenn sie ja die gleichen, sogar vielleicht bessere Prognosen oder Leistungskennzahlen vorweisen können und sogar statistisch gesehen auch nachhaltiger und weniger risikoreich geführt werden. Also es ist total unlogisch eigentlich. Da steckt wirklich für mich ein ganz großer Aspekt von Benachteiligung drin und da wünsche ich mir einfach mehr Fairness.
Und auf der anderen Seite hat es natürlich auch ganz direkt damit zu tun, dass wir einfach über die Verteilung von Sorgearbeit und Erwerbsarbeit sprechen müssen. Das ist für mich wirklich ein zentraler Aspekt, gerade wenn wir eben über Menschen mit Sorgeverantwortung sprechen. Das sind natürlich Mütter und Väter auf der einen Seite, aber auch Menschen, die eben Sorgeverantwortung haben für zu pflegende Angehörige usw. Und wenn die Hauptverantwortung, so wie es aktuell immer noch ist, mental, aber natürlich auch zeitlich, vor allem auf der Seite der Frau liegt, dann hat sie eben auf der anderen Seite in der Erwerbsarbeit eben viel, viel weniger Möglichkeiten und nicht dieselben Chancen auf Selbstverwirklichung, auf Weiterentwicklung. Was auch ganz gern vergessen wird: auf finanzielle Unabhängigkeit – und auch das Thema Altersvorsorge hängt da mit dran. Also ja, was bedeutet das, vor allem in Bezug auf Selbstständigkeit und Gründung? Dass wir auch hier ganz klar eine faire Verteilung, eine faire Aufteilung der Anteile an Sorgearbeit und Erwerbsarbeit finden müssen. Und da betone ich ganz gern, dass hier nicht unbedingt um eine 50/50-Verteilung gehen muss, sondern wichtig ist, dass man, wenn man in einer Partnerschaft lebt – wir haben ja auch noch Allein- oder Getrennt-Erziehende, da ist die Situation natürlich noch viel herausfordernder –, dann eben schaut, ja, wie kann man es so aufteilen, dass es sich für beide Seiten fair anfühlt und eben auch vor allen Dingen den finanziellen Ausgleich mit berücksichtigt?
Sehr gutes Thema, das auch nicht so schwarz und weiß zu sehen, sondern auch die Grauzonen zu erlauben. Ich kenne tatsächlich unterschiedliche Paare mit Kindern, die machen das alle anders. Also es gibt kein Richtig und kein Falsch. Solange man miteinander redet, glaube ich, ist es schon das Zauberwort und solange man halt auch die Arbeit des anderen wertschätzt, sei des Vaters z.B. oder eben der erwerbstätigen Frau, die das noch nebenbei alles irgendwie wuppt.
Und beim Thema Vereinbarkeit fällt ja auch immer das Thema Frau und Frau sein, das scheint ja irgendwie so ein „Frauenthema“ zu sein. Wie siehst du das denn in diesem Diskurs? Was macht das auch mit der betroffenen Person, diese Sichtweise nur auf eine Frau fixiert zu sein?
Ja, es ist tatsächlich so. Ich glaube auch, dass das Thema Vereinbarkeit eben wirklich noch ein ganz starkes Frauenthema ist, auch so behandelt wird und damit leider auch ja in vielen Bereichen immer noch so ein bisschen in der Ecke landet und gar nicht als so relevant betrachtet wird, weil es eben, ich sag mal, nur einen Teil der Menschen betrifft, nur Frauen betrifft. Warum ist das so und was macht es mit dieser Person?
Na ja, auf der einen Seite, würde ich sagen, wie kommen wir dahin? Ich glaube, das ist ganz wichtig, darüber zu sprechen, warum ist das eigentlich ein Frauenthema. Und ich glaube, dass da vielleicht auch der Hebel schon liegt. Es ist ja so, dass natürlich die Frau diejenige ist, die schwanger ist und die schon in dieser ganz, ganz frühen Phase sich ja nicht nur körperlich, sondern vor allen Dingen auch mental und emotional auf das Kind vorbereitet. Die Bücher dazu liest, sich damit auseinandersetzt, was kommt eigentlich auf mich zu, die anfangs zu Hause bleibt, die sich fast ausschließlich eben um dieses kleine, neue Geschöpf kümmert und deren Welt sich total verändert. Also das muss man wirklich sagen, das ist ja eine wahnsinnige Veränderung der Lebensrealität, die damit einhergeht. Gleichzeitig ist die berufliche Seite sozusagen der berufliche Anteil meiner selbst ja erstmal auf Pause gelegt. Und auf der anderen Seite verändert sich für die allermeisten Väter ja nicht so wahnsinnig viel, zumindest beruflich. So ist es tatsächlich ja immer noch. Wir wissen, dass die meisten Väter wenn überhaupt ja nur ein, zwei anteilige Monate Elternzeit nehmen und danach voll wieder einsteigen. Teilzeit ist unter Vätern auch noch recht spärlich verteilt. Das heißt ja, dass da einfach die Verteilung schon von Anfang an sehr, sehr natürlich einfach so entwickelt, dass die Frau den totalen Fokus auf der Familie, auf dem Kind hat und der Vater den Fokus eigentlich im Beruf hält. Dann ist es ja die Frau, die irgendwann wieder schauen muss, dass sie einsteigt mit all den Herausforderungen. Das ist einfach eine wahnsinnig herausfordernde Phase, den beruflichen Anteil wieder zu steigern und da ein Gleichgewicht herzustellen. Und zu gucken, wie kriege ich das alles und dahin Hut, wie kriege ich da eine gute Balance hin?
Und das ist eine Phase, da sprechen wir noch, finde ich, viel zu wenig darüber. Sei es ein Betreuungsplatz zu bekommen, dann die Rückkehr in den Job. Ist es der alte Job, muss ich mich da wieder neu beweisen? Häufig geht's da mit Rückschritten in der Karriere einher, mit finanziellen Einbußen. Die Frau geht häufig in Teilzeit zurück, wenn man dann eben wieder die Balance so einigermaßen hinbekommen hat, dann kommen all die Dinge dazu wie was ist, wenn das Kind mal krank ist oder die Betreuung ausfällt. Wir wissen, dass die Kinderbetreuung auch nicht so wahnsinnig zuverlässig aktuell ist: Schließzeiten, Ferien, all diese Dinge, die ich eingangs gesagt habe, "arbeiten als hätte man keine Kinder". Und dadurch, dass wir da nicht strukturell drüber sprechen und das ganz stark im Privaten belassen, bedeutet das, dass es in der Wahrnehmung vieler Frauen eben daran hängt, wie gut organisiere ich mich, wie gut kriege ich als Privatperson, als Einzelperson das hin? Dann kommt häufig noch der Druck, du musst nur gut genug für dich sorgen, du musst Me-Time einbauen, du sollst auch noch Quality-Time mit deinem Partner verbringen, du musst attraktiv für deinen Partner bleiben und so weiter und so fort. Die Anforderungen sind wahnsinnig hoch. Und na ja, der Fehler, wenn es nicht ganz so gut läuft, – das wissen wir ja auch – wir Frauen suchen den dann auch ganz gerne bei uns selbst. Und das macht natürlich was mit dem Selbstwert und im schlimmsten Fall auch mit der Gesundheit, wenn es wirklich über lange Zeit hinweg wir in dieser in dieser ständigen Herausforderung sind, kann das schwierig werden.
Schön gesagt! Man darf ja auch nicht vergessen, auch eine Geburt eines Kindes ist ja schon ein hormoneller Akt und das ist ja schon ein Wunderwerk des Körpers. Das allein zehrt ja schon Kräfte und kostet ja auch ganz viel Energie dem Körper selbst und man braucht die Erholungsphase dann.
Also ich selber habe noch kein Kind, aber ich sehe das im Umfeld. Eine Geburt eines Kindes ist ja quasi auf allen Ebenen irgendwas Neues. Und selbst wenn man schon ein Kind hatte, ist es irgendwie neu, weil es nie das Gleiche ist. Und du hast so schön gesagt, das hat natürlich auch eine Einschränkung… oder gar nicht Einschränkung, sondern Einfluss auf den Stressfaktor am Alltag: wenn dann die Kita schließt, man muss schnell auf Arbeit Bescheid geben, dabei ist eine ganz wichtige Präsentation zu machen. Man muss das Kind abholen. Also man hat ja irgendwie nur Stress, habe ich so das Gefühl – und dann macht man ihn sich selber noch. Das kann ja nicht gut enden, du hast mir jetzt sozusagen schon das Zauberwort genannt: Gesundheit.
Gerade im Gründungsprozess hat man ja auch ganz viele Aufgaben. Ein Finanzplan soll fertig werden, die Erwartung vom Partner, der will ja auch noch mal irgendwie Zeit haben. Man muss vielleicht hier noch mal einen Termin wahrnehmen und da eine Kooperation starten. Also da passiert ja ganz viel in einer Gründungsphase auch gedanklich und mental. Und aus meiner Sicht darf eben Familie und Gesundheit kein kritischer Faktor dabei sein. Also das sollte einen nicht daran hindern, zu gründen. Oder das Ganze auch vielleicht einfach hinzuschmeißen. Was ist deine Meinung dazu?
Ich sehe es ganz genauso wie du. Du hast ja gerade gesagt: zum einen ist natürlich, ein Kind zu bekommen und zu haben, eine wahnsinnige Herausforderung… das ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber macht ganz viel. Da sind Anforderungen auf ganz vielen verschiedenen Ebenen an mich als Person und ich glaube, dass es mit einer Gründung und einer Selbstständigkeit vielleicht ganz ähnlich zu betrachten ist. Wir sind da, da stecken ganz viele Dinge drin, die natürlich herausfordernd sind, die an unseren Nerven zehren, die wahnsinnig viel Zeit und Energie benötigen. Wir setzen uns ganz oft mit komplett neuen Themen auseinander, die vielleicht nicht zu unseren eigentlichen Kernkompetenzen gehören oder in denen wir keine Erfahrung haben. Stichwort Buchhaltung, Steuererklärung usw. Das gehört ja häufig gerade am Anfang mit dazu. Wir tendieren ja dazu auch gerade am Anfang sehr vieles selbst zu machen, weil natürlich die finanziellen Möglichkeiten noch gar nicht so sehr da sind. Wir tragen eine große Verantwortung und wir sind nicht selten ganz schön unter Druck.
Und ja, ich glaube, das Thema Familie und Gesundheit, gerade das Thema Gesundheit und eine gute Balance zu halten, das stark zu priorisieren, ist hier eine große Herausforderung. Aber auch fast der wichtigste Hebel, würde ich sagen, um da nicht auszubrennen und um das alles wirklich gut unter einen Hut zu bekommen. Und ich glaube, das hängt auch viel mit einer guten und realistischen Planung zusammen. Meine Erfahrung ist, dass häufig auch der Wunsch da ist, selbstbestimmter zu arbeiten, flexibler zu sein – der gerade Frauen auch umtreibt, wenn es darum geht, mache ich mich selbstständig. Wenn ich das hinbekommen will, aber gleichzeitig noch die Hauptverantwortliche in Sachen Familienarbeit und Sorgearbeit bin, dann wird's wirklich schwer. Und da ist wirklich die Frage, ist das eine Vorstellung, die ich habe – lässt die sich in der Realität wirklich auch umsetzen oder nicht und wie komme ich dahin, wie kann ich das schaffen? Ich glaube, das sind ganz wichtige Fragen, die man sich stellen sollte in der Vorgründungsphase. Wie kann das gut funktionieren?
Ja, und man darf ja auch sagen, das darf sich auch ständig verändern. Man darf es immer wieder anpassen, auch wenn man dann schon vielleicht etabliert auf dem Markt ist, vielleicht drei Jahre schon erfolgreich unterwegs ist. Sowas darf sich ja immer ändern, das Leben ändert sich ja auch ganz rabiat.
Was wir Frauen ja gut können, ist, sich zu vergleichen. Ich glaube, das ist unabhängig von der Vereinbarkeit. Wir schauen immer nach rechts und links und nach oben und nach unten. Und gucken immer, wer macht was wie am besten noch besser als man selbst. Da sind wir wieder beim Thema Selbstbewusstsein und Selbstwert. Gerade während einer Gründung und auch einer Selbstständigkeit macht man ja sehr viel. Man versucht irgendwie, alles unter einen Hut zu bekommen. Jetzt unabhängig mit der Familie, aber gerade auch im Bezug auf der Vereinbarkeit: Was macht dieser ständige Vergleich denn auch mit (in unserem Fall vor allen Dingen? Frauen?
Da kann ich auf jeden Fall auch aus eigener Erfahrung sprechen. Ich finde auch, dass der Vergleich mit anderen auch ein superwichtiges Thema ist, worüber wir sprechen dürfen und was wir uns selbst auch, glaube ich, bewusst machen dürfen, weil das für wahnsinnig viel Druck, Selbstzweifel und Unzufriedenheit sorgt, genau wie du es gesagt hast. Und ich glaube, hier ist superwichtig, immer wieder den Reality-Check zu machen, um eben nicht in dieser Spirale von Druck, Selbstzweifeln, Unzufriedenheit, „alle anderen kriegen es viel besser hin als ich“ zu landen. Also wirklich die Frage: Mit wem vergleiche ich mich? Ich persönlich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich mich mit Frauen vergleiche, die z.B. 10 Jahre jünger sind und keine Kinder haben. Die haben natürlich ganz andere Kapazitäten, die haben ein ganz anderes Zeit- und Energiekontingent und haben den Fokus wirklich oft komplett auf den Businessaufbau. Da kann ich eigentlich nur schlechter abschneiden und das Gefühl haben, ich mache nicht genug. Also ich merke wirklich immer wieder auch, meine Kollegin XY, die an einem ganz anderen Punkt in ihrem Leben steht, die arbeitet wahnsinnig viel und hat super viele Aufträge und ist die ganze Zeit am Machen. Das ist ja auch so ein Ideal, was ja viele von uns in sich tragen, dass man die ganze Zeit machen, machen, machen muss, um erfolgreich zu sein. Da merke ich schon, dass ich da mich manchmal anstrengen muss, mich davon abzugrenzen und einfach auch realistisch mit mir selbst zu sein – mit meiner Energie, mit meiner Zeit.
Und auf der anderen Seite, was ich auch tatsächlich beobachte, gerade auch im Bereich der Solo-Selbstständigen, ist eben, dass wir in den sozialen Medien ganz viele Erfolgsstories sehen und da häufig der Anschein erweckt wird: Man muss nur smart genug sein und dann kann man mit ganz wenig Einsatz ganz viel Geld verdienen und wahnsinnig erfolgreich sein und möglichst noch an super spannenden und exotischen Orten auf dieser Welt arbeiten. Und allen geht's dabei total gut und es ist voll easy und sieht auch noch gut aus so ungefähr. Und da ist eben die Frage: Ist das wirklich so? Ist das wahr, was ich da sehe, was mir da vorgegaukelt wird? Und da immer wieder gucken, was steckt da wirklich dahinter, ist das realistisch, auch gerade wenn ich mich mit anderen Müttern vergleiche. Es gibt total viele ganz tolle Mama-Influencerinnen, bei denen immer alles ganz schick ist, die Kinder sehen immer toll aus und die Mamas sehen toll aus und haben tolle Klamotten an, alle sind super entspannt. Dann wird ständig selbst gekocht und gebacken und dabei sieht alles immer aus wie aus so einem Hochglanzkatalog. Dann entsteht natürlich schnell der Eindruck: "Hey, warum schafft die das und ich nicht, bei mir ist jetzt das totale Chaos? Ich bin froh, wenn ich es mal unter die Dusche schaffe". Und ja, das klingt total banal. Und wir wissen natürlich, dass das nicht immer die echte, wahre Welt ist, die mir da gezeigt wird. Und trotzdem macht es was mit mir. Trotzdem bin ich ein bisschen unzufriedener, wenn ich mir das anschaue, auch wenn ich mir das selbst vielleicht gar nicht so sehr eingestehe.
Also da wirklich realistisch mit sich selbst zu sein und immer wieder zu hinterfragen, ist das wahr, was ich sehe, ist das wirklich das ganze Leben, was ich dort sehe . Genau das ist hier total wichtig zu erwähnen.
Tatsächlich möchte ich bei dem Thema Stress noch mal anknüpfen. Wir sind in einer Leistungsgesellschaft. Das ist einfach so. Und tatsächlich zählt man ja irgendwie nur dazu, wenn man wirklich macht und wenn man was zu tun hat. Also wenn man beschäftigt ist – ob das sinnvoll und effizient ist mal dahingestellt. Aber man ist ja nur was, wenn man irgendwie was zu tun hat.
Und ich finde, häufig wird dieses Mutter-Dasein als „Nichts-Tun“ dargestellt. Weil das ja eh irgendwie so läuft: das Kind ist ja eh da, da hat man ja nichts zu tun. So habe ich zumindest als außenstehende Nicht-Mama manchmal den Eindruck, dass das runtermacht wird. Das finde ich total schade. Da muss man vielleicht auch in der Gesellschaft ansetzen.
Du arbeitest jetzt auch mit vielen Menschen im Alltag, die dann Care-Arbeit und berufliche Selbstverwirklichung zusammenbringen wollen. Wo fängt denn eigentlich dieser persönliche Spielraum an, dass man auch diese Grenzen, diese Herausforderungen abstoßen kann? Wo eckt man an und wie kann ich diesen Spielraum eröffnen?
Ja, das ist eine eine super wichtige Frage, die man sich tatsächlich stellen kann. Wie viel Gestaltungsspielraum habe ich, was kann ich beeinflussen und was auch nicht? Da liegt auch einer der Hebel (auch für mentale Gesundheit), wirklich anzuerkennen, was sind die Dinge, die strukturell bedingt sind, an denen ich nichts verändern kann. Da kann ich vielleicht noch so sehr versuchen, Selbstfürsorge mit einzubauen, aber wenn ich eben an strukturelle Grenzen komme, weil die Kinderbetreuung nicht gesichert ist oder weil ich eben Benachteiligungen erlebe oder was auch immer, dann kann ich daran erstmal nicht so sehr was ändern. Dann ist es eben wichtig, den Fehler nicht so sehr bei sich selbst zu suchen, sondern wirklich anzuerkennen, „okay, ich habe es als Mutter da vielleicht schwerer als andere Personengruppen“. Das ist das eine.
Und dann auf der anderen Seite wirklich auch zu gucken, wo kann ich gestalten und wo habe ich Einfluss. Und diesen persönlichen Gestaltungsspielraum sich überhaupt erstmal bewusst zu machen, ist wichtig. Ganz häufig ist der nämlich gar nicht so sehr bewusst.
Also wir können uns fragen, wie verteilen wir denn die Sorgearbeit zu Hause, darüber haben wir ja schon gesprochen. Und sich überhaupt auch erstmal bewusst machen, was fällt eigentlich alles darunter, was zählt denn zu Sorgearbeit. Warum sollte ich es vielleicht auch Sorgearbeit nennen? Das ist alles nebenbei und selbstverständlich, aber es ist eben auch Arbeit, die da drin steckt. Auch mentale Arbeit, emotionale Arbeit, die Kinder zu begleiten ins Leben zu begleiten. Das ist wirklich herausfordernd und zehrt auch an den Nerven und an der Energie. Also was fällt eigentlich alles an zu Hause? Wie haben wir das verteilt, fühlt sich das fair an? Welche Bedürfnisse habe ich tatsächlich, wie kann ich die gut kommunizieren in meinem familiären Umfeld? Wie kann ich meine Bedürfnisse auch vielleicht ein Stück weit mehr umsetzen, welche Ressourcen habe ich, habe ich ein Netzwerk zur Verfügung?
Das Thema Grenzen finde ich super wichtig. Wir sprechen ja auch beim Thema Vereinbarkeit ganz häufig darüber, wie ich denn alles unter einen Hut kriege . Und ich bin da immer sehr vorsichtig und weise da gerne darauf hin, dass es gar nicht darum geht, noch mehr und noch mehr und noch mehr zu vereinbaren, weil das einfach nicht funktioniert. Sondern dass es bei Vereinbarkeit ganz häufig auch darum geht, wo kann ich Grenzen setzen und wo sollte ich Grenzen setzen und welche Dinge lassen sich nicht vereinbaren und welche Dinge möchte ich vielleicht auch nicht vereinbaren. Wo kann ich Berufliches und Privates gut voneinander trennen, weil es an der Stelle wirklich auch Sinn macht, mit dem Kopf nicht bei allen Dingen gleichzeitig zu sein, weil uns das häufig an unsere Belastungsgrenzen bringt.
Es sind ganz viele Fragen, die man sich stellen darf. Manchmal hilft es tatsächlich auch, sich dabei begleiten zu lassen bei der Beantwortung dieser Fragen, weil wir häufig so fest in unseren Strukturen, in unseren Routinen sind, dass wir eben diesen Handlungsspielraum, der eigentlich da ist, manchmal gar nicht erkennen. Und uns ein bisschen überwältigt oder hilflos fühlen angesichts der vielen Dinge, mit denen wir es zu tun haben im Alltag.
Ja, man hat ja immer die Möglichkeit zu handeln. Man muss halt einfach nur wissen, wo und wie. Nun gibt es, hast du ja auch schon gesagt, gewisse – nennen wir es mal wirklich – Grenzen, die wir nicht beeinflussen können. Wo müsste denn aus deiner Sicht Vereinbarkeit neu gedacht werden auf politischer Ebene? Wo fängt man da am besten an?
Ja, wo fängt man am besten an? Ich glaube, indem man überhaupt darüber spricht, dass es auf verschiedenen Ebenen gedacht werden muss und dass wir es eben nicht mehr als ein Privatproblem einzelner Menschen betrachten, sondern wirklich als eine gesellschaftliche Aufgabe. Als eine strukturelle Aufgabe, vielleicht auch als Gestaltungsaufgabe eben auf verschiedenen Ebenen. Das heißt auch zu hinterfragen, was bedeutet Arbeit für uns, was ist unser Modell von Arbeit? Wie verwenden wir Zeit, wofür verwenden wir Zeit? Was bedeutet es produktiv zu sein, Leistung zu erbringen? Wie wollen wir sozial und gesellschaftlich miteinander sein? Welche Rolle oder welchen Stellenwert nimmt Familie und Sorgearbeit gesellschaftlich für uns ein? Da gibt's wahnsinnig viele Anknüpfungspunkte und das macht das ganze Thema ja auch so herausfordernd und gleichzeitig aber auch ein bisschen dankbar, weil man ganz viele Möglichkeiten hat, ein paar Hebel in Bewegung zu setzen. Und das alles unter einen Hut zu bringen, ist tatsächlich wirklich herausfordernd. Ja, ist wirklich schwierig, darauf eine einfache Antwort zu finden.
Ich glaube aber, wenn wir auf der einen Seite schauen, was können wir eben privat in unserem eigenen Umfeld verändern, auch im Hinblick darauf, wie wachsen unsere Kinder auf und wie nehmen die vielleicht Rollen wahr in ihrer Kindheit. Das verändert ja schon mal die künftigen Generationen hoffentlich so ein bisschen. Und dann auch in der Arbeitswelt zu schauen, wie gesagt, was bedeutet Leistung, wie bewerten wir Zeit… Arbeitszeitmodelle noch mal neu zu denken, Unternehmenskulturen zu gestalten, die eben genau solche Dinge noch mehr berücksichtigen und Eltern den Rahmen geben oder Menschen mit Sorgeverantwortung, nicht nur Eltern. Ich glaube, mehr Frauen in Führung, mehr Eltern in Führung würde auch schon einiges bewirken, um die Perspektiven mitzudenken, genauso auch in der Politik. Ich glaube, mehr Menschen mit Sorgeverantwortung sollten in politische Entscheidungsposition, um Dinge wirklich zu bewegen. Familienpolitische Maßnahmen, die eben den Rahmen schaffen, Anreize für partnerschaftliche Aufteilung, Sicherstellung von hochwertiger Kinderbetreuung und und und. Da steckt ganz viel drin.
Und an der Stelle sei vielleicht der Bundesverband Vereinbarkeit erwähnt.
Du bist zuvor gekommen!
Das Anliegen ist genau da Brücken zu bauen zwischen den verschiedenen Parteien (nicht im Sinne von politischen Parteien), zwischen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, um so ein ganzheitlichen systemischen Blick da reinzubringen und wirklich in Lösungen zu denken und Lösungen zu schaffen, die eben die nachhaltig sind und wirken können, weil sie nicht einzeln gedacht sind, sondern wirklich die Zusammenhänge miteinander betrachten.
Sehr, sehr wichtig! Eine sehr tolle Aufgabe und Arbeit, die ihr da macht. Ihr seid ja sozusagen auch im Wachstum, das heißt jede:r darf sich dann natürlich berufen fühlen, euch zu kontaktieren und Infos einzuholen, euch einfach zu verfolgen, was ihr jetzt mit Politik, mit Arbeitgebern, mit Wirtschaft usw. umsetzen könnt. Weil das ja auch einen ganz großen sozialen Effekt hat und wir uns genau dafür einsetzen wollen.
Aber kommen wir noch mal zurück zum Gründungsthema. Welche konkreten Impulse hättest du denn für Menschen, die gerade in der Vorgründungsphase stecken und die eben ein bisschen mit der Vereinbarkeit hadern und ringen?
Also ich glaube, dass das Thema Vereinbarkeit nicht so sehr als Nebenbedingung, als private Nebenbedingungen zu betrachten, sondern wirklich als Teil des Geschäftsmodells oder des Businessplans mitzudenken ist. Das heißt, schon bei der Planung zu berücksichtigen, welche Arbeitszeit passt eigentlich realistisch in meinen Alltag – also wirklich realistisch zu planen, mit Puffer zu planen. Das haben wir beide ja auch schon festgestellt in der Anbahnung dieses Interviews, dass da häufig Dinge einfach dazwischenkommen. Und da ein bisschen in Szenarien zu denken: Wie kann mein Business laufen, wenn ich krank bin, wenn mein Kind krank ist, wenn das Familienchaos ausbricht? Oder was brauche ich für eine 20-Stunden-Version meines Business? Welche Produkte oder Leistungen ermöglichen mir mehr Flexibilität und ist es wirklich sinnvoll, Zeit gegen Geld zu tauschen? Was ja auch gerade in der Soloselbstständigen-Blase ganz häufig der Fall ist. Und da wird man schnell an Grenzen stoßen, glaube ich, wenn man eben noch Familie zu Hause hat. Also wie kann das mit in meinen Businessplan integrieren?
Und dann auch das Thema Perfektion ein bisschen noch anzuschauen und zu hinterfragen. Und diesen Anspruch, alles gleichzeitig schaffen zu wollen und zu müssen, vielleicht wirklich mal zu hinterfragen und eher zu schauen, wo kann ich denn bewusst Prioritäten setzen, wo muss ich auch bewusst Prioritäten setzen? Das ist eine ganz zentrale Frage. Gut priorisieren zu können, immer wieder zu hinterfragen, was mache ich eigentlich gerade, wofür mache ich das, ist das gerade der größte Hebel, den ich bedienen kann, um im Business voranzukommen, um die Familie da gut mit integriert zu haben? Auch was darf ich weglassen und worauf konzentriere ich mich? Ich kenne das von mir selber, mitunter neigt man dazu, sich auf die Dinge zu stürzen, die vielleicht weniger herausfordernd sind oder die mir mehr Spaß machen oder von denen ich denke, dass die superwichtig sind. Da immer mal wieder zu reflektieren und herauszuzoomen, woran arbeite ich gerade und was kann ich eigentlich wirklich weglassen, ist total hilfreich, weil ich glaube, wir müssen realistisch sein. Der Tag hat 24 Stunden und abgesehen von dem Zeitfaktor, glaube ich, ist ein großer Aspekt auch unser Energiekontingent. Und damit haushalten wir ganz häufig über unsere Verhältnisse und das ist eben superwichtig zu berücksichtigen.
Ansonsten darf man auch gerne darüber nachdenken, wo man sich Unterstützung holen kann. Und auch diesen Anspruch, ich muss es alles alleine machen, ein Stück weit loslassen und wirklich auch überlegen, wofür setze ich denn meine wertvolle Zeit, meine wertvolle Energie ein und wofür auch nicht, um nochmal zurück zum Stichwort Buchhaltung, Steuererklärung usw. zu kommen. Da unternehmerisch zu denken und die eigene Zeit wirklich als sehr wertvolle, auch finanziell wertvolle Zeit, anzusehen und zu überlegen, in welche Aufgaben stecke ich die und wofür? Was möchte und kann ich outsourcen, auch wenn vielleicht gerade am Anfang das natürlich immer eine finanzielle Frage ist, aber es lohnt sich mittel- und langfristig, sich wirklich auf die Dinge zu konzentrieren, die das Business voranbringen und sich nicht an Nebenschauplätzen aufzuhalten, die uns häufig sehr viel Zeit und Energie kosten, weil sie uns nicht so viel Spaß machen und weil sie herausfordernd sind und die besser von jemandem gemacht werden können, der das mal gelernt hat und der das sehr gut kann.
Und vielleicht eine letzte Sache dazu, auch diesen Blick zu haben, dass diese Balance eher ein Prozess ist als ein anzustrebender Zustand, du hast es vorhin auch schon mal angedeutet. Also immer wieder reflektieren, immer wieder rauszoomen, immer wieder, wo stehe ich gerade, Bedürfnisse wahrnehmen, anpassen, ausprobieren, nachjustieren, also eigentlich auch in Schleifen voranzugehen und immer wieder zu gucken, wie passt es gerade zusammen und was kann ich verändern und nochmal anders ausprobieren. Die Dinge verändern sich so wahnsinnig schnell, was letzte Woche funktioniert hat, muss diese Woche überhaupt nicht mehr funktionieren und da eine gewisse Flexibilität zu haben, ist sehr hilfreich.
Wir hier erleben ja auch bei der Arbeit mit Gründenden, dass Gründung Spaß machen darf. Es gibt natürlich herausfordernde Momente – die gibt's immer und die gehören einfach dazu. Du hast so schön gesagt, die Steuererklärung und Buchhaltung, all solche Themen sind nicht immer die beliebtesten, es sei denn man möchte in dem Bereich gründen. Aber ich finde auch, während einer Gründung ist das Umfeld sehr wichtig und das muss nicht nur die Familie sein, das kann auch die Nachbarin sein, die beste Freundin, der beste Kumpel. Und die sollten wertschätzend mit einem umgehen, auch meine Last abnehmen. Ich biete z.B. meiner Nachbarin mit Kind immer an, dass ich zur Not auch mal für sie einkaufen gehen kann, wenn das ein Stück Entlastung bringt und sie sich deswegen um andere Dinge kümmern kann. Also allein dieses Umfeld, also das Bewusstsein zu haben, dass man dieses Umfeld hat, dass man sich darauf verlassen kann, dass man Partner:innen an der Seite hat, die mit einem kämpfen sozusagen, das tut unheimlich gut. Und auch wir hier haben ja diese Sparringspartner-Funktion. Wir gehen zusammen diesen Schritt in die Selbstständigkeit, können gewisse Themen bearbeiten, haben einen guten Pool an Expertise, die wir zu Rate ziehen können. Das allein macht ganz viel im Mindset und man kriegt dadurch eben auch Platz, um sich zu entwickeln, um weiterzumachen.
Und ich finde ganz schön, wie du gesagt hast, dass man sich ja auch diese Erlaubnis geben darf, mal den Mut zur Lücke zu bewahren, dass man eben nicht alles machen muss. Reicht es vielleicht, wenn ich mich nur um das Thema 1 und 2 gerade kümmere und fokussiere, weil ich eben nur bedingte Ressourcen und Kapazitäten habe – sei es zeitlich, finanziell usw.? Also das finde ich ganz wichtig. Ich glaube, das ist ein Wechselspiel aus vielen Faktoren.
Gehen wir doch mal in die Zukunft: Wenn du einen Wunsch frei hättest, welche Veränderung würdest du dir denn für unsere Gründungskultur wünschen?
Ach das ist superschwer, sich dafür zu entscheiden. Aber ja, ich glaube wirklich, wenn es um Gründungskultur geht, hat das auch wirklich viel damit zu tun, was ist so unsere Idealvorstellung, wie sind wir aufgewachsen, was ist so unsere Idee davon, wie der perfekte Gründer/die perfekte Gründerin auszusehen hat, wie die sich zu verhalten hat. Unsere Definition von Erfolg, da würde ich sehr gerne ran und das ein Stück weit verändern: nicht mehr dieses Bild, das rund um die Uhr „selbst und ständig“, sich Pausen gönnen, Regeneration und Nichts-Tun erlauben. Auch die Themen Beziehungsarbeit, Fürsorge, Kooperation, Erholung, Freizeit genauso hoch zu bewerten wie Skalierung, Wachstum, Pitch Performance – also weniger von diesem alles oder nichts. „Ich muss dann wirklich alles reingeben, was ich habe“ hin zu diesem „Gründen im Leben“, so dass es ins Leben passt und beides gut miteinander funktionieren kann.
Wofür machen wir das? Ich sage immer so gerne, dass wir Arbeit viel mehr vom Menschen her denken sollten, denn wofür machen wir das denn alles? Dass wir ein gutes Leben haben und dass das viel besser in Balance miteinander sein kann. Alles andere ergibt für mich keinen Sinn. Also wirklich Gründen und Leben, Arbeit und Leben und dass es gut miteinander passt.
Was ist denn, wenn ich jetzt genau darüber mit dir reden möchte, wo finde ich dich, wie kann ich dich kontaktieren?
Du findest mich auf jeden Fall auf LinkedIn und ansonsten auf meiner Webseite www.neue-faireinbarkeit.de.
Sehr gut. Und dann einfach eine Mail schreiben und ganz entspannt in Kontakt kommen.
Wir haben es, finde ich, ganz gut auf den Punkt gebracht, worum es bei der Vereinbarkeit geht. Jetzt wartet noch eine tolle Überraschungsfrage auf dich. Nenn mir doch mal eine Zahl von 1 bis 6.
Ich nehme die 3.
Die 3, schön die Mitte.
Das zum Thema Fair und Balance.
Welche Superkraft würdest du dir denn als Gründerin wünschen?
Oh Gott, welche Superkraft würde ich mir als Gründerin wünschen? Ach, Superkraft vielleicht weniger im im Sinne eines Superhelden… aber für mich ganz persönlich, würde ich mir mehr Loslassen-Können wünschen.
Ach, wie schön. Und jetzt zitiere ich – ich hätte nie gedacht, dass ich das mal mache – meinen alten Deutschlehrer, der gesagt hat: „Lieben heißt Loslassen können.“ Eine sehr gute Weisheit.
Und mit dieser Weisheit möchte ich mich von dir verabschieden und lasse quasi von unserem Gespräch los. Es hat mir unheimlich viel Spaß gemacht. Danke für die Einblicke, für die ehrlichen Worte und einfach für eine neue Sichtweise auf das Arbeiten, vor allen Dingen als Frau. Geh weiter voran und kämpfe für mehr Fairness da draußen. Lieben Dank!
Ja, ich danke dir.
Mehr über Nancy Meckert:
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