Montag, 15. September 2025
Mehr Impact, weniger Hierarchie: Holacracy zeigt, wie Social Enterprises flexibel und wirksam arbeiten können.
In einer Welt, die immer mehr von sozialen und ökologischen Fragen bestimmt wird, sind viele Gründer:innen auf der Suche nach Wegen, ihre Ideen nicht nur erfolgreich umzusetzen, sondern auch Gutes für die Gesellschaft und den Planeten zu tun. Egal welchen Begriff man nutzen möchte: Social Entrepreneurship, Sozialunternehmertum oder auch soziales Unternehmertum ist in aller Munde – die Verschmelzung von unternehmerischer Initiative und gesellschaftlichem Mehrwert ist heute relevanter denn je. Aber wie können Social Enterprises ihre Visionen auf die Straße bringen und dabei gleichzeitig effizient und flexibel arbeiten?
Eine spannende Antwort auf diese Frage könnte ein Konzept liefern, das ursprünglich aus der Unternehmensführung stammt, aber in der Welt des sozialen Unternehmertums immer mehr an Bedeutung gewinnt: Holacracy.
Stell dir vor, du arbeitest in einem Unternehmen, das nicht starr hierarchisch geführt wird, sondern in dem jeder Einzelne Verantwortung übernimmt und Entscheidungen dort getroffen werden, wo Fachwissen und Expertise liegen – statt „top down“ vom Chef oder der Chefin. Genau das ist das Prinzip von Holacracy: ein System der dezentralen Entscheidungsfindung, das Organisationen die Flexibilität und Agilität gibt, sich schnell an Veränderungen anzupassen. Hier gibt es klare Rollen, die Aufgaben und Verantwortlichkeiten festlegen, aber auch genug Raum für Eigeninitiative und Selbstbestimmung.
Holacracy entstand als Antwort auf die Herausforderungen traditioneller hierarchischer Unternehmensstrukturen und wurde von Brian Robertson auf der Grundlage der “Soziokratie” entwickelt, einem ehemaligen Unternehmer und Berater, der 2007 das Konzept in seinem Buch „Holacracy: Ein revolutionäres Management-System für eine volatile Welt“ vorstellte. Der Begriff „Holacracy“ setzt sich aus den Worten „holos“ (griechisch für „vollständig, ganz“) und „kratía“ (griechisch für „Herrschaft“ oder „Führung“) zusammen. Robertson, der zuvor in verschiedenen Unternehmen tätig war, wollte ein System entwickeln, das Organisationen hilft, ihre Entscheidungsfindung zu dezentralisieren und die Macht auf alle Mitarbeitenden zu verteilen, um eine agilere, flexiblere und selbstorganisierte Struktur zu schaffen.
Im Gegensatz zu traditionellen hierarchischen Strukturen ist Holacracy kein statisches Regelwerk, sondern ein dynamisches System, das sich kontinuierlich anpasst und mitwächst (Hallo, Agilität!). Für soziale Unternehmen bedeutet das: Sie können ihre sozialen und ökologischen Ziele effektiv verfolgen, dabei aber die Flexibilität behalten, auf neue Herausforderungen schnell zu reagieren.
Wie bereits erläutert ist Holacracy ein innovatives Organisationsmodell, das die traditionelle Hierarchie hinterfragt und auf Selbstorganisation setzt. Anstatt dass eine einzelne Führungskraft alle Entscheidungen trifft, basiert Holacracy auf einem System aus „Kreisen“ und „Verlinkungen“, das den Mitarbeitenden mehr Verantwortung und Flexibilität gibt.
Stell dir vor, dein Unternehmen bietet Bildungsprogramme für benachteiligte Kinder an. Jeder „Kreis“ in deinem Sozialunternehmen übernimmt eine bestimmte Aufgabe – es gibt einen Kreis für „Bildungsinhalte“, der für die Entwicklung der Lernmaterialien zuständig ist, und einen Kreis für „Fundraising“, der Spenden und Mittel einwirbt. Jeder Kreis arbeitet dabei autonom und übernimmt Verantwortung für seinen Bereich.
Innerhalb jedes Kreises gibt es klar definierte „Rollen“, die festlegen, wer welche Aufgaben übernimmt. Eine Person kann dabei mehrere Rollen übernehmen, je nach ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen des Unternehmens. So wird die Verantwortung gleichmäßig verteilt, und jeder weiß, was er zu tun hat.
Kreise arbeiten aber nicht isoliert. Sie sind miteinander durch „Verlinkungen“ verbunden, was bedeutet, dass es spezielle Rollen gibt, die sicherstellen, dass die Kreise miteinander kommunizieren und Informationen fließen. Diese „Verbindungsrollen“ ermöglichen es, dass alle Kreise auf dasselbe Ziel hinarbeiten und sich gegenseitig unterstützen. Durch die Verlinkungen zwischen den Kreisen weiß beispielsweise der Fundraising-Kreis, wie viel Geld für neue Lernmaterialien benötigt wird, und kann gezielt Spenden sammeln, um diese zu finanzieren. So arbeitet das Unternehmen effizient und flexibel zusammen, ohne dass jede Entscheidung von einer einzelnen Führungskraft getroffen werden muss.
Das Besondere an Holacracy ist, dass es den Mitarbeitenden mehr Selbstbestimmung und Verantwortung gibt. Entscheidungen werden dort getroffen, wo die Expertise ist – direkt im Kreis. Dies fördert nicht nur die Motivation, sondern macht das Unternehmen auch agiler und anpassungsfähiger. Durch die klare Struktur und die Verlinkungen bleibt gleichzeitig die Orientierung und das große Ziel immer im Blick.
Stell dir vor, ein Unternehmen, das sich für die Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt einsetzt, steht plötzlich vor einer Gesetzesänderung. In einem traditionellen Unternehmen würde dies zu einer längeren Reaktionszeit führen, da Entscheidungen von oben nach unten getroffen werden müssten. In einer holakratischen Organisation könnte der Kreis „Soziale Wirkung“ oder der Kreis „Arbeitsmarktintegration“ sofort reagieren und die Änderungen eigenständig umsetzen – Verantwortung wird geteilt, und die Reaktion auf Veränderungen fällt schneller und flexibler aus.
Auf den Punkt gebracht, können soziale Unternehmen vom Ansatz der Holacracy nur profitieren:
Neben Holacracy bietet das Modell der Soziokratie 3.0 eine flexible und offene Alternative, die besonders im sozialen Unternehmertum überzeugt. Während Holacracy auf einem festen Regelwerk basiert, ist Soziokratie 3.0 ein "Open-Source-Werkzeugkasten", der Prinzipien und Muster bereitstellt, die frei genutzt, angepasst und weiterentwickelt werden können. Diese Offenheit macht das Modell zugänglich für individuelle Lösungen.
Ein zentraler Unterschied liegt in der Entscheidungsfindung: Soziokratie 3.0 arbeitet mit der Konsententscheidung – Entscheidungen werden getroffen, solange es keine schwerwiegenden Einwände gibt. Im Vergleich zur klar definierten Rollenhierarchie bei Holacracy schafft dies mehr Raum für Dialog und Kooperation. Besonders für soziale Start-ups, die mit vielfältigen Zielgruppen und Partner:innen zusammenarbeiten, ermöglicht dieses Modell, verschiedene Perspektiven aktiv einzubeziehen und so die Akzeptanz der Entscheidungen zu stärken.
Soziokratie 3.0 eignet sich für Gründer:innen, die agile Strukturen mit einem inklusiven und dynamischen Ansatz kombinieren möchten, ohne an ein striktes Regelwerk gebunden zu sein. Die Open-Source-Basis erlaubt es sozialen Unternehmen, das Modell an ihre Bedürfnisse anzupassen und im eigenen Tempo zu wachsen – ein entscheidender Vorteil, gerade in der frühen Phase einer Gründung.
Die Welt des sozialen Unternehmertums ist im Wandel – und Holacracy könnte dabei helfen, diesen Wandel mitzugestalten. Sie fördert nicht nur Selbstorganisation und Flexibilität, sondern ermöglicht es sozialen Unternehmen, die Balance zwischen unternehmerischen Zielen und sozialer Wirkung zu wahren. Ein Unternehmen, das sich auf umweltfreundliche Produkte spezialisiert, könnte beispielsweise Holacracy nutzen, um seine Ressourcenbeschaffung dynamisch anzupassen.
Stellen wir uns vor, dieses Unternehmen entdeckt einen neuen umweltfreundlichen Lieferanten. Anstatt auf eine Entscheidung der Geschäftsführung zu warten, könnte der Kreis „Materialbeschaffung“ sofort autonom entscheiden, die Materialien von diesem neuen Lieferanten zu beziehen. Der Kreis „Marketing“ würde zeitgleich die Botschaft über die neuen, nachhaltigeren Materialien nach außen tragen. Diese schnelle, flexible Anpassung sorgt dafür, dass das Unternehmen nicht nur ökologisch nachhaltig bleibt, sondern auch seine unternehmerischen Ziele – wie eine kosteneffiziente und zukunftsfähige Lieferkette – weiterhin verfolgt.
Für Gründer:innen im Bereich Social Entrepreneurship bedeutet Holacracy eine Chance, ihre Vision und Werte in den Mittelpunkt des täglichen Handelns zu stellen. Es ist ein Modell, das den Weg zu einer gemeinschaftlicheren und nachhaltigeren Unternehmensführung ebnen kann – genau das, was wir im Gründungszentrum Enterprise Tag für Tag fördern möchten.
Holacracy ist mehr als nur ein neues Organisationsmodell – es ist eine Lösung, die sozialen Unternehmen hilft, Verantwortung zu verteilen, selbstständig zu handeln und gleichzeitig die sozialen und unternehmerischen Ziele zu verfolgen. In Kombination mit den Grundwerten des sozialen Unternehmertums entsteht eine Struktur, die nicht nur dynamisch und transparent, sondern auch immer auf den sozialen Mehrwert fokussiert bleibt.
Im Gründungszentrum Enterprise begleiten wir Gründer:innen nicht nur in den klassischen Fragen rund um die Gründung, sondern auch bei der Entwicklung von Organisationsmodellen, die innovative und nachhaltige Unternehmen ermöglichen.
